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Kategorischer Imperativ

Kategorischer Imperativ

Der kategorische Imperativ ist die ethische Grundnorm in der Philosophie Immanuel Kants. Er gilt für alle vernünftigen Wesen, also speziell auch für den Menschen. Er gebietet, Handlungen zu vollbringen, die nicht Mittel zu einem Zweck, sondern an sich gut sind. Eine Formulierung des kategorischen Imperativs lautet: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. (Trivial formuliert sollte man niemandem etwas antun, das man nicht selbst erleben möchte, wird oft angenommen, ist aber falsch, denn das allgemeine Gesetz ist im Sinne eines Naturgesetzes gemeint, d.h. das Gesetz ist allgemein gültig.) Neben dieser Formel aus der "Kritik der praktischen Vernunft" (1788) nennt Kant bereits in seiner "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (1785), in der er den kategorischen Imperativ entwickelt, weitere Varianten: "Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte." Und: "Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."

Selbstverständnis des kategorischen Imperativs

Der kategorische Imperativ ist nach Kants Verständnis keine von ihm aufgestellte Moral, sondern laut seiner Analyse die Funktionsweise jeder praktischen Vernunft -- das heißt auf Praxis, also auf Handlungen, nicht auf reine Überlegungen abzielenden Vernunft. Kant untersucht die praktische Vernunft, insofern sie ein a priori enthält, also ein jeder realen Moral vorhergehendes Grundprinzip, das Moral überhaupt erst möglich macht, und das im Menschen selbst natürlicherweise vorhanden ist. Dieses a priori bestimmt den kategorischen Imperativ, das heißt, er gilt absolut und überall. Jeder Mensch auf der Welt kann ihn immer anwenden. Er wird auch als „das gute Gewissen“ umschrieben und sei eine notwendige, aber keine hinreichende Grundlage für gutes Handeln. Er bedürfe im Zweifelsfall der Ergänzung durch andere ethische Prinzipien. Im Gegensatz zum Regel-Utilitarismus, bei dem eine Handlungsregel bewertet wird nach dem, was sie als größte Anzahl von positiven Lust-Werten hervorbringt oder im Gegensatz zum Konsequentialismus, der danach bewertet, welche Folgen eine Handlung hat, ist der Kategorische Imperativ deontologisch. D. h. es wird eben nicht bewertet, was die Handlung bewirkt, sondern wie die Absicht beschaffen ist. Wenn der Wille gut ist, dann ist auch die Handlung moralisch gerechtfertigt. Der gute Wille allein ist das, was moralisch gut ist.

Der menschliche Wille als Adressat des Kategorischen Imperativs

Gesetzt den Fall, der Mensch als vernünftiges Wesen ist, wie Kant behauptet, immer schon als unter einem allgemeinen Gesetz stehend aufzufassen, warum handelt er dann oft nicht den Vorgaben des Gesetzes gemäß, vielmehr pflicht- und vernunftwidrig? Die Antwort hierauf ergibt sich aus der spezifischen Konstitution des menschlichen Willens. Dieser wird von Kant als "das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze, d.i. nach Prinzipien zu handeln" (412) definiert. Hätte die Vernunft das Vermögen, den Willen vollständig zu bestimmen, d.h. wäre sie alleiniger Ursprung der Prinzipien, nach welchen sich der Wille bestimmt, wie es für reine Vernunftwesen gilt, so wäre das von der Vernunft objektiv (für alle vernünftigen Wesen notwendige) für moralisch gut erkannte auch das, was dasjenige Vernunftwesen subjektiv für sich als moralisch gut erkennen und demzufolge wollen würde. Der Mensch jedoch schöpft die Bestimmungsprinzipien seines Willens nicht allein aus Vernunft, er ist kein rein vernünftiges Wesen, sondern ein teilvernünftiges, ein mit einem sinnlich-affizierten Willen ausgestattetes partielles Vernunftwesen. Das, was außer der Vernunft noch seinen Willen bestimmt, sind nach Kant die Neigungen, Komponenten unserer sinnlichen Veranlagung, die auf dem "Gefühl der Lust und Unlust beruhen" (427). Aufgrund dieser Diskrepanz zwischen subjektivem Wollen und objektivem Vernunftgesetz wird der Mensch zum Adressaten einer "Nötigung", durch welche die Anerkennung und Beachtung der absoluten Verbindlichkeit objektiver Vernunftprinzipien und deren Priorität vor allen neigungsabhängigen Bestimmungen vom Subjekt eingefordert wird. Das, worin die Nötigung zum Ausdruck kommt, quasi ihr 'Transportmittel', ist der Imperativ. Imperative drücken immer ein "Sollen" aus und bringen appellativ zum Ausdruck, "dass etwas zu tun oder zu unterlassen gut sein würde" (413). (Alle Zitate aus: GMS, hrsg. v. Kraft/Schönecker (Meiner))

Formulierungen des kategorischen Imperativs

Kant definiert den Begriff der Pflicht folgendermaßen: Pflicht ist das Ergebnis, der eigenen Vernunft Folge zu leisten. Pflicht soll das Motiv für das Handeln sein, nicht die Freude oder Ähnliches. Wem das Gewissen gebietet, auf eine bestimmte Weise zu handeln, hat auch die Pflicht, so zu handeln. Der kategorische Imperativ erscheint bei Kant in insgesamt fünf (gleichwertigen) Formulierungen in zwei Werken, nämlich der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und der Kritik der praktischen Vernunft. Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. (Aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten) vgl. S. 61, Ziffer 437, Gr.z.M.d.S.! Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. (Als § 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft in der Kritik der praktischen Vernunft S. 36)

Praktischer und Hypothetischer Imperativ

Der kategorische Imperativ ist von dem aus ihm abgeleiteten praktischen Imperativ zu unterscheiden: »Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.« (Siehe auch Kant-Fibel unter Weblinks.) Kant ist der Meinung, dass nur der gute Wille das einzig Gute ist. Begabung, Charakter oder günstige Umstände können auch zu schlechten Zwecken verwendet werden, aber der gute Wille ist an sich positiv zu bewerten und daher das höchste Gut. Sein Ausgangspunkt ist, dass eine Handlung durch praktische Vernunft bedingt sei. Weiter seien die Faktoren, welche das Handeln bedingen, keine Naturgesetze, sondern praktische Grundsätze:
- Maximen (subjektive Grundsätze): selbstgesetzte Handlungsregeln, die ein Wollen ausdrücken
- Imperative (objektive Grundsätze): durch praktische Vernunft bestimmt; Ratschläge, moralisch relevante Grundsätze Bei Kant gibt es noch weitere Imperative, die aber nicht kategorisch sind, die so genannten hypothetischen Imperative. Diese funktionieren nach dem Prinzip: „wer den Zweck will, der will auch das zugehörige Mittel, diesen Zweck zu erreichen“. Hypothetische Imperative können allerdings seiner Meinung nach nicht als Grundlage einer moralischen Handlung dienen. Der hypothetische Imperativ verfolgt einen bestimmten individuellen Zweck und stellt eine Mittel-Zweck-Relation her. Der kategorische Imperativ unterwirft das Handeln formal einem allgemeingültigen Gesetz ohne Rücksicht auf einen bestimmten Zweck.

Vernunftwesen

Kant behauptet nicht, dass es außer dem Menschen noch weitere vernünftige Wesen gäbe. Aber die Herleitung des kategorischen Imperativs ist so allgemein aus der Vernunft abgeleitet, dass dieser Imperativ für alle vernünftigen Wesen gelten könnte. Die Vernunft ist nicht gebunden an körperliche oder geistige Unterschiede, die zwischen den Menschen oder zu irgendwelchen anderen vernünftigen Wesen bestehen.

Parallelen und Ableitungen

Der kategorische Imperativ wird häufig als „Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg' auch keinem anderen zu!“ erklärt. Diese so genannte Goldene Regel ist nicht mit der philosophischen Konstruktion des kategorischen Imperativs Kants verwandt – es ist ja eine moralische Regel, die jemand aufstellt – nicht wie bei Kant das Ergebnis einer Analyse der bereits vorhandenen menschlichen Moral. Ebenso wird der kategorische Imperativ oft als "Was wäre, wenn alle "X" täten ?" missverstanden. Dies ist jedoch nicht Kant. Kant nutzt zwar auch eine Form der Verallgemeinerung, bei ihm geht es jedoch um die Maxime, nach der eine Handlung geschieht, nicht um die Handlung an sich. So wird die Maxime durch den kategorischen Imperativ verallgemeinert, nicht die daraus folgende Handlung. Siehe auch: Ethik, Goldene Regel, Pflichtethik, Kant (Artikel)

Kritik

Der kategorische Imperativ ist zwar ein rein logischer Grundsatz. Das Problem ist aber die Subjektivität der Maxime. Kant versucht diese zu objektivieren, in dem er (sinngemäß) sagt, der Wille des eigenen Subjekts würde dadurch zum objektiven praktischen Gesetz, wenn der eigene Wille für den Willen jedes vernünftigen Wesens als gültig erkannt wird. Das ist für die Handlung richtig. Aber das Erkennen bleibt subjektiv. Und nun kann man aus reiner Vernunft sagen, dass man nicht aufgrund der subjektiven Sicht, was mein "vernünftiger Wille" sein soll von einem anderen mit "seinem" Gesetz behandelt werden will. In dem man das kund gibt, dürfte niemand mehr, er diesen Einwand kennt, nach dem kategorischen Imperativ handeln, ohne die Betroffenen vorher nach Zustimmung gefragt zu haben. Andernfalls würde er sich mit seiner Handlung performativ selbst widerlegen. Zu Kant äußert sich Adorno in "Dialektik der Aufklärung" wie folgt: "Sein Unterfangen, die Pflicht der gegenseitigen Achtung, wenn auch noch vorsichtiger als die ganze westliche Philosophie, aus einem Gesetz der Vernunft abzuleiten, findet keine Stütze in der Kritik. Es ist der übliche Versuch des bürgerlichen Denkens, die Rücksicht, ohne welche Zivilisation nicht existieren kann, anders zu begründen als durch materielles Interesse und Gewalt, sublim und paradox wie keiner vorher und ephemer wie sie alle. Der Bürger, der aus dem kantischen Motive der Achtung vor der bloßen Form des Gesetzes allein einen Gewinn sich entgehen ließe, wäre nicht aufgeklärt, sondern abergläubisch - ein Narr." Ökonomische Kritik (Sichtweise): "Der Mensch handelt rational und eigennutzorientiert. Die Individuen wägen Kosten und Nutzen ab und wählen eine Handlung, sobald sie mehr Nutzen als Kosten verursacht. Kosten können dabei gesellschaftliche Sanktionen sein, wenn z.B. eine Handlung als moralisch verwerflich von der Gesellschaft gesehen wird und das Individuum sanktioniert wird und ihm dabei Kosten z.B. durch Verachtung und Ausschluss entstehen. Die Kosten und Nutzen sind dabei individuell und können für jeden Menschen verschieden sein. (z.B. ist für ein Induviduum gesellschaftliche Anerkennung wichtiger als für ein anderes Individuum)

Weblinks


- Kant-Fibel: http://www.geocities.com/Athens/Delphi/2094/kant.htm Kategorie:Ethisches Prinzip Kategorie:Kantianismus

Immanuel Kant

Immanuel Kant (
- 22. April 1724 in Königsberg; † 12. Februar 1804 ebd.) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen.

Leben

Immanuel Kant war das zweite Kind des Riemermeisters Johann Georg Cant und dessen Frau Anna Regina, geb. Reuter; von seinen zehn Geschwistern erreichten nur vier ein höheres Alter. Sein Elternhaus war stark pietistisch geprägt, seine Mutter für Bildung sehr aufgeschlossen. So kam er 1732 an das Friedrichskollegium, wurde gefördert und begann bereits 1740 mit dem Studium an der Albertina, der Königsberger Universität. Obwohl für Theologie eingeschrieben, interessierte sich Kant sehr für die Naturwissenschaften. Der Professor für Logik und Metaphysik, Martin Knutzen machte ihn mit den Lehren von Leibniz und Newton vertraut. Newton Nach Abschluss des Studiums 1748 verdiente Kant sich seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer, zunächst bis ca. 1750 bei dem reformierten Prediger Daniel Ernst Andersch (tätig 1728-1771) in Judtschen bei Gumbinnen, einer Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler. 1748 wurde er im dortigen Kirchenbuch als Taufpate aufgeführt, wo er als 'studiosus philosophiae' bezeichnet wird. Später war er bis etwa 1753 Hauslehrer auf dem Gut des Majors Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Mohrungen. Seine dritte Stelle fand er nahe Königsberg bei der Familie Keyserlingk auf dem Schloss Waldburg-Capustigall, die ihm auch Zugang zur höheren Gesellschaft Königsbergs ermöglichte. Im selben Jahr, 1755, in dem Kant seine erste wichtige Schrift mit dem Titel „Allgemeine Naturgeschichte und der Himmel“ veröffentlichte, wurde er Privatdozent in Königsberg und nahm eine umfangreiche Lehrtätigkeit auf. Zu seinen Lehrfächern gehörten Logik, Metaphysik, Anthropologie, Moralphilosophie, natürliche Theologie, Mathematik, Physik, Mechanik, Geographie, Pädagogik und Naturrecht. Seine Vorlesungen fanden starkes Interesse. Johann Gottfried Herder, der 1762-64 bei ihm hörte, schrieb später darüber: Mit dankbarer Freude erinnere ich mich aus meinen Jugendjahren der Bekanntschaft und des Unterrichts eines Philosophen, der mir ein wahrer Lehrer der Humanität war (...) Seine Philosophie weckte das eigne Denken auf, und ich kann mir beinahe nichts Erleseneres und Wirksameres hierzu vorstellen, als sein Vortrag war. Eine erste Bewerbung auf den Lehrstuhl für Logik und Metaphysik im Jahre 1759 schlug fehl. Einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Dichtkunst lehnte Kant 1762 ab. Ebenso schlug er auch die Gelegenheiten aus, 1769 in Erlangen und 1770 in Jena zu lehren, bevor er im Jahr 1770 im Alter von 46 Jahren den von ihm immer angestrebten Ruf der Universität Königsberg auf die Stelle eines Professors für Logik und Metaphysik erhielt. Auch den mit einer deutlich höheren Vergütung verbundenen Ruf an die damals berühmte Universität von Halle lehnte er im Jahre 1778 ab, trotz der besonderen Bitte des Kultusministers von Zedlitz. 1786 und 1788 war Kant Rektor der Universität in Königsberg. 1787 wurde er in die Berliner Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Die letzten 15 Jahre seines Lebens waren gekennzeichnet durch den sich stetig zuspitzenden Konflikt mit der Zensurbehörde, deren Leitung der preußische König Friedrich Wilhelm II. dem neuen Kultusminister Wöllner - Zedlitz' Nachfolger nach dem Tode König Friedrichs II. - übertragen hatte. Kant lehrte weiter bis 1796, erhielt aber die Weisung, sich seiner religiösen Schriften zu enthalten, da sie deistisches und sozinianisches Gedankengut verbreiteten, das nicht mit der Bibel vereinbar sei. Hierauf beklagte sich sein Freund, der Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift in Berlin, Johann Erich Biester, beim König, der aber seine Beschwerde ablehnte. Johann Erich Biester Kant wird oft als steifer, an einen regelmäßigen Tagesablauf gebundener professoraler Mensch dargestellt, der von der Pflicht getrieben ganz auf seine Arbeit konzentriert war. Doch dieses Bild ist eine Überzeichnung. Als Student war er ein guter Kartenspieler und verdiente sich sogar mit Billard ein Zubrot zum Studium. Auf Gesellschaften, an denen er gerne teilnahm, galt er als galant, putzte sich mit modischen Kleidern heraus und zeichnete sich aus durch ’’ausgezeichnete Belesenheit und einen unerschöpflichen Vorrath von unterhaltenden und lustigen Anecdoten, die er ganz trocken, ohne je selbst dabei zu lachen, erzählte und durch eigenen ächten Humor in treffenden Repliken zu würzen wusste, …’’. Herder wurde von Kant aufgefordert, nicht so viel über den Büchern zu brüten. Und Hamann befürchtete, dass Kant nicht genügend zum arbeiten käme, weil er durch ’’einen Strudel gesellschaftlicher Zerstreuungen fortgerißen’’ werde (Zitate nach Kühn). Erst als Kant jenseits der 40 war und er merkte, dass er aus gesundheitlichen Gründen mit seinen Kräften haushalten musste, stellte der sich vor allem von Heine so herausgehobene regelmäßige Tagesablauf ein: Morgens um fünf Uhr stand er auf und ging um 22 Uhr zu Bett. Zum Mittagessen lud er meist Freunde (nie weniger als die Grazien, nie mehr als die Musen) ein und pflegte die Geselligkeit, vermied dabei aber philosophische Themen. Außerdem machte er täglich zur gleichen Zeit einen Spaziergang. Seinem Hausdiener namens Lampe schrieb Heinrich Heine in seinem Werk „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ scherzhaft einen Einfluss auf Kants Philosophie zu: „Der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein - das sagt die praktische Vernunft - meinetwegen - so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen. Infolge dieses Arguments unterscheidet Kant zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, und mit dieser, wie mit einem Zauberstäbchen, belebt er wieder den Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.“ Kant verbrachte nahezu sein ganzes Leben im damals weltoffenen Königsberg, wo er 1804 fast 80-jährig starb. Sein Grab befindet sich im Königsberger Dom. An der Außenseite des Domes befindet sich sein Kenotaph.

Schriften

Bis zu seiner Promotion 1755 arbeitet er als Hauslehrer und verfasst die ersten, naturphilosophischen Schriften, so die 1749 erschienenen „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“ und 1755 die „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, in der er eine Theorie zur Entstehung des Planetensystems nach „Newtonischen Grundsätzen“ darstellt. Im gleichen Jahr promoviert er mit einer Arbeit über das Feuer („De igne“) und habilitiert sich mit einer Abhandlung über die ersten Grundsätze der metaphysischen Erkenntnis („Nova dilucidacio“). Im Jahr 1762 erscheint, nach einigen kleinen Schriften, die Abhandlung „Der einzige mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes“, in der Kant zu erweisen versucht, dass alle bisherigen Beweise für die Existenz Gottes nicht tragfähig sind, und eine eigene Version des ontologischen Gottesbeweises entwickelt, die diesen Mängeln abhelfen soll. Die folgenden Jahre sind bestimmt von wachsendem Problembewusstsein gegenüber der Methode der traditionellen Metaphysik, das sich vor allem in Kants literarisch wohl unterhaltsamster Schrift, „Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik“ (1766), einer Kritik Emanuel Swedenborgs, äußert. In der 1770 erschienenen Schrift „De mundi sensiblis atque intelligibilis forma et principiis“ unterscheidet er zum ersten Mal scharf zwischen der sinnlichen Erkenntnis der Erscheinungen der Dinge (Phaenomena) und der Erkenntnis der Dinge, wie sie an sich sind, durch den Verstand (Noumena). Raum und Zeit fasst er zudem als dem Subjekt angehörige „reine Anschauungen“ auf, die notwendig sind, um die Erscheinungen untereinander zu ordnen. Damit sind zwei wesentliche Punkte der späteren kritischen Philosophie antizipiert, auch wenn Kants Methode hier noch dogmatisch ist, und er eine Verstandeserkenntnis der Dinge, wie sie an sich sind, für möglich hält. In den folgenden zehn Jahren vollzieht sich die Entwicklung der kritischen Philosophie ohne wesentliche Veröffentlichung (die "stummen Jahre"). Als er 1781 die „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlicht, hat sich seine Philosophie grundlegend gewandelt - die Frage, wie überhaupt eine Metaphysik als Wissenschaft möglich ist, müsse vor der Behandlung der metaphysischen Fragen beantwortet werden. Die Kritik handelt die "a priori", d. h. vor aller empirischen Erfahrung mögliche Erkenntnis, in drei Abschnitten ab. Zuerst die Formen der Sinnlichkeit a priori, die reinen Anschauungen Raum und Zeit, welche die Mathematik als apriorische Wissenschaft begründen. Im zweiten Teil, der transzendentalen Logik, dass bestimmte erfahrungsunabhängige Begriffe, die Kategorien, notwendig auf alle Gegenstände der Erfahrung anwendbar sind. Durch diese Anwendung der Kategorien ergibt sich ein System von Grundsätzen, die a priori gewiss sind, wie z. B. die kausale Verknüpfung aller sinnlichen Erscheinungen, und die damit ein legitimes Feld philosophischer Erkenntnisse darstellen. Diese müssen den Naturwissenschaften zugrunde liegen. Doch mit dieser Bestimmung der Kategorien als für die Einheit der Erscheinungen notwendige Verknüpfungsregeln, ergibt sich, dass diese Begriffe nicht auf die Dinge, wie sie "an sich" sind (Noumena), anwendbar sind. Im (in der menschlichen Vernunft notwendig entstehenden) Versuch, das Unbedingte zu erkennen, und die sinnliche Erkenntnis zu übersteigen, verwickelt die Vernunft sich in Widersprüche, da keine Wahrheitskriterien mehr vorhanden sind. Die metaphysischen Beweise z. B. für die Unsterblichkeit der Seele, die Unendlichkeit der Welt oder das Dasein Gottes sind unmöglich, die Ideen der Vernunft nur als regulative, die Erfahrungserkenntnis leitende Begriffe von sinnvollem Gebrauch. Von der zögernden Rezeption und erheblichen Missverständnissen in der ersten Rezension der „Kritik der reinen Vernunft“ veranlasst, veröffentlicht Kant 1783 die „Prolegomena“, die allgemeinverständlich in die kritische Philosophie einführen sollen. Seine Ethik, die in den Schlusskapiteln der Kritik der reinen Vernunft nur angedeutet ist, führt er 1785 in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ aus, in der der kategorische Imperativ als Prinzip der Ethik entwickelt wird, und die Idee der Freiheit, die in der ersten Kritik für die theoretische Vernunft nicht beweisbar war, wird nun als notwendige Voraussetzung der praktischen Vernunft gerechtfertigt. Auch die naturphilosophischen Fragen nimmt Kant wieder auf, und 1786 erscheinen die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft“, die die Newtonische Physik durch die kritischen Grundsätze begründen und damit auch ein konkretes Beispiel für die Anwendung der Transzendentalphilosophie liefern. Nach der Überarbeitung einzelner Stücke der „Kritik der reinen Vernunft“ für die zweite Auflage 1787 erscheint 1788 die „Kritik der praktischen Vernunft“, die den moralphilosophischen Ansatz der „Grundlegung“ erläutert und ausbaut, und schließlich 1793 die „Kritik der Urteilskraft“, in deren Vorwort Kant stolz verkündet, dass mit dieser sein kritisches Geschäft abgeschlossen sei und dass er nun „ungesäumt zum doktrinalen“ schreiten werde, also der Ausarbeitung eines Systems der Transzendentalphilosophie. Der eigentlichen Ausarbeitung geht jedoch noch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793) voraus, in dem Kant den Vernunftgehalt der Religion untersucht und den Ansatz einer moralisch-praktischen Vernunftreligion, wie ihn schon die Postulatenlehre der zweiten und dritten Kritik entwickeln, weiter erläutert. 1797 erscheint dann der erste Teil des Systems, die „Metaphysik der Sitten“. Unabgeschlossen ist dagegen der Versuch geblieben, auch die Naturphilosophie weiter auszubauen. Noch während der Arbeit an der "Metaphysik der Sitten" beginnt Kant die Arbeit an einem „Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen zur Physik“. Die Arbeit an diesem unter dem Namen „Opus postumum“ bekannt gewordenen Werk beschäftigen ihn bis zu seinem Tod 1804. Kants Manuskripte zeigen, wie sehr er auch in hohem Alter noch bereit und in der Lage war, die kritische Philosophie umzugestalten. Ausgehend vom Problem, spezifische regulative Forschungsmaximen der Naturwissenschaft zu rechtfertigen, sieht sich Kant zuerst gezwungen, die Rolle des menschlichen Körpers in der Erkenntnis genauer zu untersuchen. Die Problematik dieser Untersuchungen verschiebt sich aber im Laufe der Entwürfe auf immer abstraktere Ebenen, so dass Kant um die Jahrhundertwende auf eine systematische Ebene zurückkehrt, die der "Kritik der reinen Vernunft" entspricht, wenn auch nicht unbedingt ihrer (aufgrund des Zustands des Manuskripts nur schwer erkennbaren) Problemstellung. Kant entwickelt eine „Selbstsetzungslehre“, die er dann schließlich auch auf die praktische Vernunft ausweitet, und endigt mit Entwürfen zu einem neukonzipierten „System der Transzendentalphilosophie“, das er aber nicht mehr ausarbeiten kann.

Kants Philosophie

Mit seinem kritischen Denkansatz (Sapere aude) ist Kant der wohl wichtigste Denker der deutschen Aufklärung. Üblicherweise unterscheidet man bei seinem philosophischen Weg zwischen der vorkritischen und der kritischen Phase, weil seine Position sich spätestens mit Veröffentlichung der Kritik der reinen Vernunft erheblich verändert. Noch bis in die 60er Jahre kann man Kant dem Rationalismus in der Nachfolge von Leibniz und Wolff zurechnen. In seiner Dissertation im Jahre 1770 ist bereits ein deutlicher Bruch erkennbar. Neben dem Verstand ist nun auch die Anschauung Erkenntnisquelle. Die Dissertation und die Berufung an die Universität führen dann zu der berühmten Phase des Schweigens, in der Kant seine neue, als Kritizismus bekannte und heute noch maßgeblich diskutierte Erkenntnistheorie ausarbeitet. Erst nach elf Jahren intensiver Arbeit wird diese dann 1781 in der Kritik der reinen Vernunft veröffentlicht. Nach Klärung der Grundfrage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis kann Kant sich auf dieser Grundlage schließlich im Alter von 60 Jahren den für ihn eigentlich wichtigen Themen der praktischen Philosophie zuwenden.

Die vier Kantischen Fragen

Kant hat sich vier Fragen gestellt und diese zu beantworten versucht: Was kann ich wissen? (What can I know?): In seiner Erkenntnistheorie Was soll ich tun? (What ought I to do?): In seiner Ethik Was darf ich hoffen? (For what may I hope?): In seiner Religionsphilosohie Was ist der Mensch? (What is a human being?): In seiner Anthropologie

Erkenntnistheorie

„Was kann ich wissen?“ Als Vertreter der rationalistischen Leibnizschen Schule wird Kant durch das Studium Humes „aus seinem philosophischen Schlummer geweckt“ (Einleitung Prolegomena). Er erkennt die Kritik Humes am Rationalismus als richtig an, d. h. eine Rückführung der Erkenntnis allein auf den reinen Verstand ohne sinnliche Anschauung ist für ihn nicht mehr möglich. Andererseits führt der Empirismus von David Hume zu der Aussage, dass eine sichere Erkenntnis überhaupt nicht möglich ist, d. h. in den Skeptizismus. Dieses will Kant aber nicht akzeptieren. So kommt er zu der Frage, nicht nur was Erkenntnis ist, sondern was die Voraussetzungen für eine Erkenntnis sind. Unter welchen Bedingungen ist Erkenntnis überhaupt möglich? Oder wie Kant es formuliert: Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis? Skeptizismus In Folge ist die Kritik der reinen Vernunft (KrV), in der Kant seine Erkenntnistheorie niederlegt, eine Auseinandersetzung einerseits mit der rationalistischen, andererseits mit der empiristischen Philosophie des 18. Jahrhunderts, die sich vor Kant unversöhnlich gegenüberstanden. Zugleich wird die KrV eine Auseinandersetzung mit der traditionellen Metaphysik, soweit diese Konzepte und Modelle zur Erklärung der Welt jenseits unserer Erfahrung vertritt. Gegen den Dogmatismus der Rationalisten (z. B. Christian Wolff, Alexander Gottlieb Baumgarten) steht, dass Erkenntnis ohne sinnliche Anschauung, d. h. ohne Wahrnehmung, nicht möglich ist. Gegen den Empirismus steht, dass sinnliche Wahrnehmung unstrukturiert bleibt, wenn der Verstand nicht Begriffe hinzufügt und durch Urteile und Schlüsse, d. h. durch Regeln mit der Wahrnehmung verbindet. Für Kant ist es ein Skandal der Philosophie, dass man es bisher nicht geschafft hat, die Metaphysik von Spekulationen zu befreien. Sein Ziel ist es, wie in der Mathematik seit Thales oder in den Naturwissenschaften seit Galilei auch in der Metaphysik zu wissenschaftlichen Aussagen zu kommen. Kant muss hierzu in der Metaphysik „das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu haben.“, d. h. die Grenze des Wissens aufzeigen, um klarzustellen, bei welchen Vorstellungen (Ideen) gar keine Erkenntnis mehr möglich ist, weil ihr Inhalt jenseits allen Erkenntnisvermögens liegt. Für Kant erfolgt Erkenntnis sprachlich durch Urteile (Aussagen, die ein Subjekt und ein Prädikat enthalten). In diesen Urteilen werden die empirischen Anschauungen der Sinnlichkeit mit den Vorstellungen des Verstandes verbunden (Synthesis). Sinnlichkeit und Verstand sind die beiden einzigen, gleichberechtigten und voneinander abhängigen Quellen der Erkenntnis. „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Glaube Wie kommt es nun zu empirischen Anschauungen? Kant diskutiert dies in dem Abschnitt über die transzendentale Ästhetik (Lehre von den Grundlagen der Wahrnehmung). Wir verfügen einerseits über einen äußeren Sinn, der uns Vorstellungen im Raum gibt. Wir haben andererseits einen inneren Sinn, mit dem wir Vorstellungen in der Zeit erzeugen. Raum und Zeit sind Voraussetzung von Erkenntnis. Wir können uns keine Gegenstände ohne Raum und Zeit vorstellen. Gleichzeitig sind unsere Sinne rezeptiv, d. h. sie werden von einer begrifflich nicht fassbaren Außenwelt („dem Ding an sich selbst“) affiziert. Nun kommt Kants berühmte kopernikanische Wende: Wir erkennen nicht das Ding an sich, sondern nur dessen Erscheinung. Diese Erscheinung wird aber durch uns als Subjekt, durch unseren Verstand geformt. Nicht die Erde dreht sich um die Sonne, sondern die Sonne um die Erde. Wir können uns das am Beispiel des Sehens gut verdeutlichen. In der Außenwelt gibt es Lichtwellen, die von unserem Auge aufgenommen werden – es wird affiziert. Diese sinnliche Anschauung wird in unserem Gehirn umgewandelt in das, was uns erscheint. Solche aus einzelnen Elementen zusammengesetzten und im Gehirn umgewandelten empirischen Anschauungen nennt Kant Empfindungen. Raum und Zeit aber werden als reine Formen der sinnlichen Anschauung den Empfindungen (der Materie) hinzugefügt. Dies bedeutet, dass Erkenntnis immer vom Subjekt abhängig ist. Unsere Realität sind die Erscheinungen, d. h. alles was in Raum und Zeit ist. Ob Raum und Zeit in den Dingen an sich existieren, können wir nicht wissen. Empfindungen allein führen aber noch nicht zu Begriffen. Kant führt seine Überlegungen hierzu in dem Abschnitt über die transzendentale Logik aus (Lehre von den Grundlagen des Denkens). Die Begriffe kommen aus dem Verstand, der diese spontan durch die produktive Einbildungskraft nach Regeln bildet. Hierzu bedarf es des transzendentalen Selbstbewusstseins als Grundlage allen Denkens. Das reine, d. h. von allen sinnlichen Anschauungen abstrahierte Bewusstsein des „Ich denke“, das man auch als die Selbstzuschreibung des Mentalen bezeichnen kann, ist der Angelpunkt der Kantischen Erkenntnistheorie. Dieses Selbstbewusstsein ist der Ursprung reiner Verstandesbegriffe, der Kategorien. Quantität, Qualität, Relation und Modalität sind die vier Funktionen des Verstandes, nach denen Kategorien gebildet werden. Anhand der Kategorien verknüpft der Verstand mit Hilfe der Urteilskraft (dem Vermögen unter Regeln zu subsumieren) die Empfindungen nach so genannten Schemata. Ein Schema ist das allgemeine Verfahren der Einbildungskraft, einem Begriff sein Bild zu verschaffen. Z. B. sehe ich auf der Straße ein vierbeiniges Etwas. Ich erkenne: dies ist ein Dackel. Ich weiß: ein Dackel ist ein Hund, ist ein Säugetier, ist ein Tier, ist ein Lebewesen. Schemata sind also (möglicherweise mehrstufige) strukturierende Allgemeinbegriffe, die nicht aus der empirischen Anschauung gewonnen werden können, sondern dem Verstand entstammen, sich aber auf die Wahrnehmung beziehen. Nachdem beschrieben wurde, wie Erkenntnis überhaupt möglich ist, kommt nun die grundlegende Frage Kants, ob wir Aussagen machen können, die die Wissenschaftlichkeit der Metaphysik begründen. Gibt es aus reinen Verstandesüberlegungen Aussagen, die unsere Erkenntnisse inhaltlich vermehren? Kant formuliert die Frage wie folgt: Sind synthetische Erkenntnisse a priori möglich? Kants Antwort ist „Ja“. Wir können durch die Kategorien synthetische Erkenntnisse a priori gewinnen. So sind z. B. unter dem Begriff der Relation die Kategorien der Substanz, der Kausalität und der Wechselwirkung erfasst. Am paradigmatischen Beispiel der Kausalität kann man Folgendes sehen: In unserer sinnlichen Wahrnehmung erkennen wir zwei aufeinander folgende Phänomene. Deren Verknüpfung als Ursache und Wirkung entzieht sich aber unserer Wahrnehmung. Kausalität wird von uns gedacht und zwar mit Allgemeinheit und Notwendigkeit. Wir verstehen Kausalität als Grundprinzip der Natur – dies gilt auch in der heutigen Physik, auch wenn diese in ihren Grundlagen nur mit Wahrscheinlichkeiten und Energiefeldern operiert -, weil wir die Kausalität in die Natur, wie sie uns erscheint, hineindenken. Allerdings schränkt Kant diese Auffassung gegen die Rationalisten klar ein. Kategorien ohne sinnliche Anschauung sind reine Form und damit leer (s.o.), d. h. zu ihrer Wirksamkeit bedarf es der empirischen Empfindungen. Hier liegt die Grenze unserer Erkenntnis. Wie kommt es nun zu den metaphysischen Theorien? Dies ist eine Frage der Vernunft, die den Teil des Verstandes bezeichnet, mit dem wir aus Begriffen und Urteilen Schlüsse ziehen. Es liegt im Wesen der Vernunft, dass diese nach immer weiter gehender Erkenntnis strebt und am Ende versucht, das Unbedingte oder Absolute zu erkennen. Dann aber verlässt die Vernunft den Boden der sinnlich fundierten Erkenntnis und begibt sich in den Bereich der Spekulation. Dabei bringt sie notwendig die drei transzendentalen Ideen Unsterblichkeit (Seele), Freiheit (Kosmos) und Unendlichkeit (Gott) hervor. Kant zeigt nun in der Dialektik als der Wissenschaft vom Schein, dass die Existenz dieser regulativen Prinzipien weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Damit kann man an Gott glauben, viele haben versucht ihn zu beweisen, aber alle Gottesbeweise müssen letztlich scheitern...

Ethik

„Was sollen wir tun?“ Ziel der erkenntnistheoretischen Untersuchungen in der KrV war es, ein theoretisches Fundament für die praktische Philosophie zu schaffen. So untersucht Kant zunächst einmal in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS) und stärker ausformuliert in der Kritik der praktischen Vernunft (KpV) die Bedingungen der Möglichkeit von Sollensaussagen. Nicht die Religion, nicht der Common Sense oder die empirische Praxis können diese Frage beantworten, sondern nur die reine Vernunft. Kants theoretische Überlegungen zur Ethik bestehen aus drei Elementen: Dem sittlich Guten, der Annahme der Freiheit des Willens und der allgemeinen Maxime des kategorischen Imperativs. Sittlichkeit ist das Moment der Vernunft, das auf praktisches Handeln gerichtet ist. Sie ist eine regulative Idee, die im Menschen a priori vorhanden ist. Der Mensch ist ein intelligibles Wesen, d. h. er ist in der Lage in der Vernunft unabhängig von sinnlichen, auch triebhaften Einflüssen zu denken und zu entscheiden. Alle vernunftbegabten Wesen, und damit auch der Mensch, sind nicht fremdbestimmt (heteronom), sondern selbstbestimmt (autonom). „Der Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige auszuwählen, was die Vernunft unabhängig von der Neigung als gut erkennt.“ Dies bedeutet, dass die ethische Entscheidung im Subjekt liegt. Kant ist durchaus bewusst, dass die Forderung der Sittlichkeit ein Ideal ist, und dass kein Mensch sie zu jeder Zeit erfüllen kann. Dennoch ist er der Auffassung, dass jeder Mensch den Maßstab der Sittlichkeit in sich hat und weiß, was er nach dem Gesetz der Sittlichkeit tun sollte. Der autonome Wille (der Vernunft) gebietet also die sittlich gute Handlung. Die Vernunft legt dem Menschen die Pflicht auf, dem Gebot der Sittlichkeit zu folgen. Auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist der
- kategorische Imperativ (Gesetzesformulierung): „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
- Naturgesetzformulierung: "Handle so, als ob die Maximen deiner Handlung durch deinen Willen zu einem Naturgesetz werden solle." Im kategorischen Imperativ beschreibt Kant das allgemeine Prinzip, nach dem jeder Mensch seine Handlungen moralisch beurteilen kann. Zur Verdeutlichung formuliert Kant den kategorischen Imperativ in den GMS in vier weiteren Fassungen. „Praktische Grundsätze sind Sätze, welche eine allgemeine Bestimmung des Willens enthalten, die mehrere praktische Regeln unter sich hat. Sie sind subjektiv oder Maximen, wenn die Bedingung nur als für den Willen des Subjekts gültig von ihm angesehen wird.“ In der praktischen Anwendung muss die gefundene Maxime in sich widerspruchsfrei sein und mit dem tatsächlichen Willen übereinstimmen. Kants Ethik ist also eine Pflichtethik im Gegensatz zu einer Tugendethik, die Aristoteles vertritt. Die konkrete Ausformulierung seiner Ethik nimmt Kant in der Metaphysik der Sitten vor, die sich in die beiden Hauptabschnitte über die Rechtslehre und über die Tugendlehre unterteilt. Weitere Aussagen zur praktischen Philosophie finden sich z. B. in der Anthropologie und in den Pädagogikvorlesungen.

Geschichte, Aufklärung und Religion

Kants dritte Frage „Was dürfen wir hoffen?“, beantwortet er in der Kritik der reinen Vernunft negativ. Nachdem Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit durch die Vernunft nicht zu beweisen sind, die Vernunft aber auch nicht das Nichtexistieren dieser Ideen beweisen kann, ist die Frage des Absoluten eine Glaubensfrage. „Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“ Entsprechend kann man in der Geschichte keine göttliche Absicht finden. Geschichte ist ein Abbild des Menschen, der frei ist. Aufgrund dieser Freiheit kann man in der Geschichte keine Regelmäßigkeiten oder Weiterentwicklung etwa in Richtung Glückseligkeit oder Vollkommenheit erkennen, weil der Fortschritt keine notwendige Voraussetzung zum Handeln ist. Dennoch gibt es einen Plan in der Natur, d. h. Geschichte hat einen Leitfaden (ist teleologisch). Vernunft entwickelt sich im Zusammenleben der Menschen. Für dieses Zusammenleben hat der Mensch aus der Vernunft heraus das Recht geschaffen, das schrittweise die Gesellschaftsordnung immer mehr bestimmt. Dies führt am Ende zu einer vollkommenen bürgerlichen Verfassung, die Bestand hat, wenn auch zwischen den Staaten eine äußere Gesetzesmäßigkeit entstanden ist. Aus dieser „Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ ergibt sich für die Regierenden ein politischer Auftrag: „Hierauf aber Rücksicht zu nehmen, imgleichen auf die Ehrbegierde der Staatsoberhäupter so wohl, als ihrer Diener, um sie auf das einzige Mittel zu richten, das ihr rühmliches Andenken auf die spätere Zeit bringen kann: das kann noch überdem einen kleinen Bewegungsgrund zum Versuche einer solche philosophischen Geschichte abgeben.“ teleologisch Dieses Selbstverständnis bestimmte auch Kants Haltung zur Aufklärung, die er als Bestimmung des Menschen ansieht. Die Aufklärung wird eng mit dem Namen Kant verbunden. Berühmt ist seine Definition „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Beantwortung der Frage: was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, 1784,2, S. 481-494). Kant war optimistisch, dass das freie Denken, das sich insbesondere unter Friedrich dem Großen – wenn auch überwiegend auf die Religion bezogen – stark entwickelt hatte, dazu führt, dass sich die Sinnesart des Volkes allmählich verändert und am Ende sogar die Grundsätze der Regierung beeinflusst, den Menschen, „der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“ Kant war ein starker Befürworter der französischen Revolution und stand auch zu dieser Haltung, obgleich er nach der Regierungsübernahme durch Friedrich Wilhelm II durchaus mit Sanktionen rechnen musste. Trotz zunehmender Zensur, oder vielleicht deswegen veröffentlichte Kant in dieser Zeit seine Religionsschriften. Gott lässt sich nicht beweisen. Doch konsequentes moralisches Handeln ist nicht möglich ohne den Glauben an Freiheit, Unsterblichkeit und Gott. Daher ist die Moral das Ursprüngliche und die Religion erklärt die moralischen Pflichten als göttliche Gebote. Die Religion folgte also dem bereits vorhandenen Moralgesetz. Um die eigentlichen Pflichten zu finden, muss man nun umgekehrt das Richtige aus den verschiedenen Religionslehren herausfiltern. Die tatsächlich praktizierte Ausübung der Religion mit all ihren Riten lehnte Kant als Pfaffentum strikt ab. Nach der Veröffentlichung der Religionsschrift 1794 erhielt Kant dann tatsächlich per Kabinettsorder das Verbot, weiter in diesem Sinne zu veröffentlichen. Kant beugte sich für die Regierungszeit des Königs, nahm aber seine Position nach dessen Tod in dem Streit der Fakultäten unvermindert wieder auf.

Ästhetik und Zwecke der Natur

Üblicherweise wird die Kritik der Urteilskraft (KdU) als drittes Hauptwerk Kants bezeichnet. In dem 1790 veröffentlichten Werk versucht Kant sein System der Philosophie zu vervollständigen und eine Verbindung der theoretischen Vernunft, die der Naturerkenntnis zugrunde liegt, einerseits, sowie der praktischen, reinen Vernunft, die zur Anerkennung der Freiheit als Idee und zum Sittengesetz führt, andererseits herzustellen. Das Gefühl der Lust und der Unlust ist das Mittelglied zwischen Erkenntnisvermögen und Begehrungsvermögen. Das verbindende Prinzip ist die Zweckmäßigkeit. Diese zeigt sich zum Einen im ästhetischen Urteil vom Schönen und Erhabenen (Teil I), und zum Anderen im teleologischen Urteil, das das Verhältnis des Menschen zur Natur bestimmt (Teil II). In beiden Fällen ist die Urteilskraft nicht bestimmend, wie in der theoretischen Vernunft, wo ein bestimmter Begriff unter einen allgemeinen Begriff gefasst wird, sondern reflektierend, wo also aus dem Einzelnen das Allgemeine gewonnen wird. Die Bestimmung des Ästhetischen ist ein subjektiver Erkenntnisvorgang, in dem einem Gegenstand von der Urteilskraft das Prädikat schön oder nicht schön zugesprochen wird. Kriterien für Geschmacksurteile sind, dass diese unabhängig von einem Interesse des Urteilenden gefällt werden, dass diese Urteile subjektiv sind, also nicht einem Begriff untergeordnet werden, dass weiterhin das Urteil Allgemeingültigkeit beansprucht und dass schließlich das Urteil mit Notwendigkeit erfolgt. Wie in der Ethik sucht Kant nach den formalen Kriterien eines Urteils (nach den Bedingungen der Möglichkeit) und klammert die inhaltliche (materiale) Bestimmung des Schönen aus. Im Gegensatz zum Schönen ist das Erhabene nicht an einen Gegenstand und seine Form gebunden. „Erhaben ist, was auch nur denken zu können ein Vermögen des Gemüths beweiset, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft.“. Sowohl das Schöne als auch das Erhabene gefallen durch sich selbst. Aber das Erhabene erzeugt kein Gefühl der Lust, sondern Bewunderung und Achtung. Erhabenes in der Kunst ist für Kant nicht möglich, diese ist höchstens eine schlechte Nachahmung des Erhabenen in der Natur. „Schön ist das, was in bloßer Beurteilung (also nicht vermittelst der Empfindung des Sinnes nach einem Begriffe des Verstandes) gefällt. Hieraus folgt von selbst, dass es ohne alles Interesse gefallen müsse. Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt.“ In der teleologischen Urteilskraft wird die in der Natur liegende Zweckmäßigkeit betrachtet. Zweck ist dabei keine Eigenschaft von Gegenständen, sondern wird von uns gedacht und in die Objekte hineingelegt, er ist wie die Freiheit eine regulative Idee. Der von der Vernunft gedachte objektive Naturzweck eines Gegenstandes ergibt sich dabei aus dem Verhältnis der Teile und des Ganzen zueinander. Mit einem reinen Mechanismus können wir die Struktur eines Baumes und die Abgestimmtheit der Naturprozesse nicht erklären. Im Gegensatz zu einer Uhr ist ein Baum selbst reproduzierend. Wir sehen die Zusammenhänge der Naturdinge so als ob ein Zweck darin läge. Wir müssen uns allerdings hüten, die empfundene Zweckmäßigkeit der Natur mit der Religion begründen zu wollen. „Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren Kontext den Begriff von Gott hereinbringt, um sich die Zweckmäßigkeit in der Natur erklärlich zu machen, und hernach diese Zweckmäßigkeit wiederum braucht, um zu beweisen, dass ein Gott sei: so ist in keiner von beiden Wissenschaften innerer Bestand.“(KdU §68)

Würdigkeit zum Glück

Kant beginnt seine Überlegungen zum Thema Glück mit einer umfassenden Kritik des Eudaimonismus. Der Begriff "Glückseligkeit"(= eudaimonia) beruht seiner Meinung nach auf unsicheren Erfahrungen und veränderbaren Meinungen. Aus diesem Mangel an Objektivität folgert er, dass ein an der eudaimonia ausgerichtetes Leben von eigenen Trieben, Bedürfnissen, Gewohnheiten und Vorlieben geprägt ist. Außerdem folgt für ihn aus der Vielfalt der subjektiven Meinungen über das menschliche Glück, dass keine objektiven Gesetze ableitbar sind. An die Stelle des Glücks setzt er in der Folge die "Würdigkeit zum Glück". Diese ist für den Menschen, als "Ding an sich", nur erreichbar, indem er sich den moralischen Gesetzen, also dem kategorischen Imperativ unterwirft. Durch das daraus folgende sittliche Verhalten erwirbt der Mensch dann die Würdigkeit zum Glück. Kant lässt aber offen, wie dieses Glück aussehen wird und wo es dem Menschen widerfährt. Im irdischen Leben ist seiner Meinung nach nur die "Selbstzufriedenheit" erreichbar. Darunter versteht er die Zufriedenheit des Menschen damit, dass er ein autonomes Leben führt, sich also an der Sittlichkeit orientiert. Obwohl Kant der Meinung ist, dass das eigene Glück für den Menschen nicht erreichbar ist, hält er es für menschliche Pflicht, das Glück anderer Personen zu fördern. Dies geschieht seiner Meinung nach durch Hilfsbereitschaft gegenüber Anderen und uneigennütziges Handeln in Freundschaft, Ehe und Familie. Es ist denkbar, dass Würdigkeit zum Glück meint, dass man durch sein Handeln würdig geworden ist, die Hilfe anderer auf dem Weg zum Glück in Anspruch zu nehmen.

Freiheit

Kant setzt sich mit den Meinungen englischer Aufklärungsphilosophen zur Willensfreiheit auseinander. Hume beispielsweise behauptet, dass der Mensch den gleichen Kausalketten unterworfen sei wie die Natur. Kant versucht nun den Widerspruch zwischen dem zeittypischen Denken in Kausalitätsketten und der Notwendigkeit des freien Willens als moralischer Instanz aufzulösen. Dazu betrachtet er den Mensch aus doppelter Perspektive. Zum Einen sieht er den Mensch als "Ding". Hier unterliegt er den Naturgesetzen, also dem Ursache-Wirkung-Prinzip. Als Ding wird er von Trieben, Instinkten, Gefühlen und Leidenschaften gesteuert. Seiner Meinung nach ist der Mensch als Vernunftwesen jedoch auch "Ding an sich", und gehört damit dem "Reich der Freiheit" an. Damit hat er die Möglichkeit der mechanischen Kausalität zu widerstehen, und sich an moralischen Prinzipien zu orientieren. Freiheit ist für ihn also nicht Willkür, sondern die Freiheit Gesetzen zu folgen, die sich die Vernunft selbst gegeben hat. Ein freier Wille ist für Kant also ein Wille unter sittlichen Gesetzen; Freiheit ohne diese freiwillige Unterwerfung ist für ihn keine Freiheit. Damit basieren moralisch schlechte Handlungen nicht auf Willensfreiheit, sondern sind durch die mechanische Kausalität bedingt. Die Würde des Menschen besteht, laut Kant, darin, dass er seinen Instinkten widersteht und selbst Ursache ist.

Übersicht der Artikel zu Kants Philosophie


- Artikel, die sich primär mit Kants Philosophie befassen
- Artikel, die sich u. a. mit Kants Philosophie befassen

Rezeption

Artikel, die sich u. a. mit Kants Philosophie befassen Kant galt schon zu Lebzeiten als herausragender Philosoph, so dass bereits in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts ein regelrechter Kantianismus entstand. Als Wegbereiter hervorzuheben sind Johann Schulz, Karl Leonhard Reinhold und auch Friedrich Schiller. Schnell kam es auch zu kritischen Stellungnahmen von rationalistischen Vertretern der Aufklärung. So nannte Moses Mendelssohn Kant einen, der alles zermalmt, oder August Eberhard gründete gar eine eigene Zeitschrift, in der er seine Kritik publizierte, auf die Kant explizit in der Schrift „Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll“ einging. Von größerer Bedeutung war die Kritik von Johann Georg Hamann und Johann Gottfried Herder, die Kant vorhielten, die Sprache als originäre Erkenntnisquelle vernachlässigt zu haben. Herder wies zudem darauf hin, dass der Mensch bereits im Zuge der Wahrnehmung „metaschematisiert“, was bereits Einsichten der Gestaltpsychologie vorweg nahm. Ein weiterer grundlegender Ansatz der Kritik kam von Friedrich Heinrich Jacobi, der sich an der Trennung der zwei Erkenntnisstämme stieß und deshalb „das Ding an sich“ verwarf. Eine zweite Phase der Auseinandersetzung ging vom deutschen Idealismus und hier zunächst von Fichte aus, der ebenfalls die Anschauung als Erkenntnisquelle ablehnte und so zu seinem subjektiven Idealismus kam. Die negative Reaktion Kants kommentierte er abfällig. Ebenso wollten Schelling und Hegel Kant durch ihre absoluten Systeme überwinden und vollenden. Mit dem Tod Hegels kam es zu einem abrupten Ende des Idealismus, nicht aber in Hinblick auf dessen Weiterverarbeitung. Allerdings sind Arthur Schopenhauer, Max Stirner und Friedrich Nietzsche Reaktionen sowohl auf Hegel, dessen Absolutismus sie verwarfen, als auch auf Kant, weil sie einen Ausweg aus der desillusionierenden Erkenntnis der Endlichkeit des Menschen ohne Halt bei einem fassbaren Gott, ja sogar ohne Gewissheit der Freiheit, suchten. Ein anderer Weg der Rezeption begann bei Jakob Friedrich Fries, Johann Friedrich Herbart und Hermann von Helmholtz, die Kant unter wissenschaftlichen – insbesondere psychologischen – Gesichtspunkten rezipierten. Mit Otto Liebmann begann der Neukantianismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Wirkung zu entfalten, die die Diskussion bis in die Zeit des ersten Weltkrieges dominieren sollte. Die Hauptvertreter in der Marburger Schule waren Hermann Cohen und Paul Natorp mit einem stark wissenschaftsorientierten Ansatz sowie in der Badischen Schule Heinrich Rickert und Wilhelm Windelband mit wertphilosophischen und historischen Schwerpunkten. Allen gemeinsam ist die Kritik des a priori, das sie als metaphysisches Element bei Kant ansahen. Ihre Position war in vielem dem Idealismus zumindest eng verwandt. Anders war dies im Kritizismus von Alois Riehl und dessen Schüler Richard Hönigswald, der sich eng an Kant anlehnte und lediglich um eine Fortschreibung unter Berücksichtigung der Einsichten der modernen Wissenschaften bemüht war. Eigenständige Wege gingen Hans Vaihinger mit der Philosophie des „Als Ob“ sowie die ehemaligen Marburger Nicolai Hartmann mit einer Ontologie des kritischen Realismus und Ernst Cassirer mit der Philosophie der symbolischen Formen. Letzterer zeigte u.a., dass auch moderne mathematische und naturwissenschaftliche Theorien wie die Relativitätstheorie mit dem Kritizismus in Einklang gebracht werden können. Ernst Cassirer Im 20. Jahrhundert findet man keine Kant-Schulen mehr, aber dennoch ist (fast) jede Philosophie eine Auseinandersetzung oder ein Dialog mit Kant. Dies reicht von Charles S. Peirce über Georg Simmel, Edmund Husserl, Karl Jaspers, Max Scheler, Martin Heidegger, Ernst Bloch bis Theodor Adorno und Karl Popper ebenso wie in der analytischen Philosophie zu Quine mit seinen Kant Lectures und Peter Frederick Strawson mit einem viel beachteten Kommentar zur Kritik der reinen Vernunft. Der Erlanger Konstruktivismus lehnt sich eng an Kant an wie dieser auch bei Karl-Otto Apel mit seinem Ansatz zur Transformation der Transzendentalphilosophie oder Carl Friedrich von Weizsäcker einen wesentlichen Bezugspunkt ausmacht. In der 2. Hälfte des Jahrhunderts bildete sich immer mehr eine Gruppe von Philosophen heraus, die ihre philosophischen Positionen wieder unmittelbar im Sinne kritischer Rationalität an Kant anknüpften, wie Helmut Holzhey, Dieter Henrich, Günter Prauss, Norbert Hinske, Herbert Schnädelbach, Rainer Brandt oder Otfried Höffe. Auch in den USA gibt es entsprechende Vertreter wie Paul Guyer und Henry E. Allison. Hervorzuheben ist die Wiederbelebung der deontologischen Ethik, die durch John Rawls' Theorie der Gerechtigkeit einen erheblichen Impuls erhielt. Aber auch in der Ästhetik und in der Religionsphilosophie finden intensive Diskurse mit und über Kant statt. Kant ist auch in der Gegenwart der am meisten rezipierte Philosoph. Dies zeigt sich an weit mehr als 1000 Monografien und Aufsatzsammlungen, die in seinem 200. Todesjahr 2004 erschienen wie auch an 1100 Teilnehmern am Kongress „Kant und die Berliner Aufklärung“ im Jahr 2000 (IX. Internationaler Kant-Kongress in Berlin). Es gibt die 1896 von Hans Vaihinger begründeten Kant-Studien mit jährlich ca. 25 Abhandlungen als Forum der 1904 im 100. Todesjahr gegründeten Kant-Gesellschaft, die Kant-Forschungsstelle an der Universität Mainz, ein Bonner Projekt zur elektronischen Veröffentlichung von Kants Schriften sowie das Marburger Kant-Archiv, das nach wie vor an der Komplettierung der Akademie-Ausgabe arbeitet. U.a. auch in Japan gibt es eine Reihe Kantianer und eine eigene Kant-Gesellschaft. In Tokio im Tempel der Philosophen hängt seit über 100 Jahren ein Bild mit dem Titel Die vier Weltweisen mit der Darstellung von Buddha, Konfuzius, Sokrates und Kant.

Werke

(unvollständig)
- 1755: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels
- 1755: Meditationum quarundam de igne succincta delineatio (Dissertation über das Feuer)
- 1755: Neue Erhellung der ersten Grundsätze metaphysischer Erkenntnisse (Habilitation: Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio)
- 1756: Metaphysicae cum geometria iunctae usus in philosophia naturalis, cuius specimen I. continet monadologiam physicam (Lateinische Dissertation, auch kurz "Physische Monadologie" benannt)
- 1756: Neue Anmerkungen zur Erläuterung der Theorie der Winde
- 1762: Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren
- 1763: Versuch, den Begriff der negativen Größen in der Weltweisheit einzuführen
- 1763: Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral
- 1763: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes
- 1764: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen
- 1764: Über die Krankheit des Kopfes
- 1766: Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik
- 1770: Über die Form und die Prinzipien der sinnlichen und intelligiblen Welt (Dissertation in Latein: De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis)
- 1775: Über die verschiedenen Rassen der Menschen
- 1781: 1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft
- 1783: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können
- 1784: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht
- 1784: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung – frei zugänglich bei http://www.digbib.org/Immanuel_Kant_1724/Was_ist_Aufklaerung DigBib.Org http://sources.wikipedia.org/wiki/Was_ist_Aufklärung%3F sources.wiki
- 1785: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
- 1786: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft
- 1786: Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte
- 1787: 2., stark erweiterte Auflage der Kritik der reinen Vernunft
- 1788: Kritik der praktischen Vernunft
- 1790: Kritik der Urteilskraft
- 1793: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
- 1793: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis
- 1794: Das Ende aller Dinge (Religionsschrift)
- 1795: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf
- 1797: Die Metaphysik der Sitten
- 1798: Der Streit der Fakultäten
- 1798: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht abgefasst
- 1800: Logik – vom Schüler Jäsche nach Kants Vorlesungen erstellt
- 1802: Physische Geographie - vom Schüler Rink nach Kants Vorlesungen erstellt
- 1803: Über die Pädagogik - vom Schüler Rink nach Kants Vorlesungen erstellt Kants Werke werden veröffentlicht in der "Akademie Ausgabe" der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1902ff (bisher 29 Bände) Für das Studium geeignet und allgemein anerkannt ist die Ausgabe von Wilhelm Weischedel, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft in sechs Bänden) 1956 - 1964 bzw. seitengleich Frankfurt (Suhrkamp in 12 Bänden) Weiterhin gibt es eine Reihe Einzelausgaben in der "Philosophischen Bibliothek" (Meiner) mit kommentierenden Einleitungen. Preisgünstige Textausgaben sind darüberhinaus bei Reclam erhältlich.

Stand- und Denkmale


- Die 1864 in Königsberg enthüllte und 1945 (in der nach Kaliningrad umbenannten Stadt) abhanden gekommene Statue Immanuel Kants aus der Hand von Christian Daniel Rauch wurde auf Veranlassung und Kosten von Marion Gräfin Dönhoff nachgegossen und 1992 wieder aufgestellt

Siehe auch


- zentrale Termini wichtiger Philosophen und Epochen, Neukantianismus
- Religiösität bei Immanuel Kant
- Beziehung von Ding an sich und Erscheinung
- Subjekt
- Liste der Philosophen

Literatur


- Orlando Budelacci: Kants Friedensprogramm - das politische Denken im Kontext der praktischen Philosophie, Athena Verlag: Oberhausen 2003.
- Ernst Cassirer: Kants Leben und Lehre. 2. Aufl. Berlin 1921; Nachdruck Darmstadt 1994
- Rudolf Eisler: Kant Lexikon. Olms Hildesheim u. a. 1984 (ISBN 3487007444)
- Manfred Geier: Kants Welt. Reinbek 2005 (ISBN 3-499-61365-4)
- Volker Gerhardt: Immanuel Kant. Vernunft und Leben. Reclam Stuttgart 2002 (UB Nr. 18235)
- Jean Grondin: Kant zur Einführung, Hamburg: Junius, 2004, 3. Auflage, ISBN 3885063638
- Arsenij Gulyga: Immanuel Kant. Suhrkamp Frankfurt/M. 2004 (ISBN 3-518-45568-0)
- Dietmar Heidemann, Kristina Engelhard (Hrsg.): Warum Kant heute?. de Gruyter 2003
- Johannes Heinrichs, Das Geheimnis der Kategorien, Die Entschlüsselung von Kants zentralem Lehrstück, Berlin 2004; ISBN 3929010941
- lat. maxima: größte, maximus: das Größte) bezeichnet einen ursprünglich aus der Logik hervorgegangenen Begriff, der im Französischen sittliche Bedeutung erlangte und seitdem im Sinne als oberster persönlicher Lebensregel, persönlicher Grundsatz des Willens und Handelns verwendet wird (La Rochefoucauld, Goethe). Bei den französischen Moralisten Luc de Clapiers, marquis de Vauvenargues (1715 - 1747) und François de La Rochefoucauld (1613 - 1680) gelangte die Maxime zu einer hohen Form der philosophischen Aussage. Goethe veröffentlichte 1840 seine Maximen und Reflexionen. Das Substantiv "maxima" leitet sich ab bei Boethius mit maximae et pricipales propositiones. Bei Albert von Sachsen hat es zuerst die logische Bedeutung (locorum alius dicitur locus maximus). Und daraus entwickelt sich im Französischen die ethisch-praktische Bedeutung als les maximes. Aber auch bei D'Argens († 1771) findet sich noch die logische Bedeutung: In der mehr praktischen Bedeutung taucht dann der Begriff bei La Rochefoucauld auf (in: Réflexions ou sentences et maximes morales, 1665). Bei Immanuel Kant erlangt "Maxime" als "subjektives Gesetz, nach dem man wirklich handelt", als "subjektives Prinzip des Wollens" große Bedeutung. Beliebige praktische Grundsätze sind Maximen, wenn sie zugleich subjektive Gründe der Handlungen, subjektive Grundsätze, werden. In diesem Sinne sah er eine Realisierung des Vernunftstrebens: Maxime ist hier als subjektiver Grundsatz zu verstehen; der kategorische Imperativ verlangt die strikte Verallgemeinerung. Allein in den Maximen kann nach Kant der moralische Wert einer Handlung liegen. Dieser ist gegeben, wenn sich der Mensch seine Maximen durch Vernunfterwägungen widerspruchslos als praktische allgemeine Gesetze denken kann, d.h., wenn er wollen kann, dass die Maximen seiner Handlung zugleich zu einer allgemeinen Gesetzgebung werden (siehe kategorischer Imperativ). Anstelle des Begriffs "Maxime" wird heute meist in der sittlichen Bedeutung der Begriff Motiv verwendet.

Weblinks


- [http://www.kuehnle-online.de/literatur/goethe/maximen/ Goethe, Maximen und Reflexionen] Kategorie:Ethisches Prinzip Kategorie:Wertvorstellung

Utilitarismus

Der Utilitarismus (lat. utilitas = Nutzen) ist eine auf Jeremy Bentham und John Stuart Mill zurückgehende Ethik, die eine Handlung dann als sittlich gut beurteilt, wenn sie nützlich ist. Nach Vorstellung des hedonistischen Utilitarismus, so wie ihn Bentham und eingeschränkt John Stuart Mill vertreten, streben die Menschen - ähnlich wie im Hedonismus - danach, Lust zu gewinnen und Unlust zu vermeiden. Das größte Glück der größten Zahl sieht J. Bentham nicht, wie oft missverstanden, als Maxime für individuelles, sondern für politisches Handeln. Mit liberalen Vorstellungen verbindet sich der Utilitarismus, wenn davon ausgegangen wird, dass das eigennützige Handeln der Individuen zu einer Steigerung der gesamten Wohlfahrt führt. Gegenmodell zu dieser harmonischen Vorstellung des Ausgleichs von Interessen bildet der Krieg aller gegen alle (Thomas Hobbes). Die Schwierigkeiten, die ein utilitaristisches Modell menschlichen Handelns hat, soziale Solidarität zu erklären, veranlassten Emile Durkheim dazu, die Bedeutung von gesellschaftlichen Wertvorstellungen hervorzuheben. In den 50er Jahren kritisierte Talcott Parsons im Anschluss an Durkheim den Utilitarismus, indem er vor allem auf die metaphysische Komponente der Vorstellung eines Interessenausgleichs wie durch eine unsichtbare Hand (Adam Smith) hinwies. Der Utilitarismus tritt in verschieden Formen auf: Im klassischen Utilitarismus geht es um die Maximierung von Glück (Lust) und die Minimierung von Leid (Unlust). Der Präferenzutilitarismus beurteilt eine Handlung danach, inwieweit sie Präferenzen/Interessen befriedigt bzw. deren Befriedigung verhindert. Im Regelutilitarismus wird eine Handlung nicht direkt nach ihren Folgen (z.B. Lust/Unlust) beurteilt, sondern danach, ob sie bestimmten Regeln entspricht, deren Befolgung dann in der Regel zu einem bestimmten Nutzen wie der Glücksmaximierung führt. Der negative Utilitarismus beurteilt eine Handlung danach, inwieweit sie das Gesamtleid vermindert. Neoutilitaristen betonen, dass Nutzen nicht dasselbe wie Eigennutz oder Egoismus sei; so könne z.B. die Adoption eines Kindes von subjektivem Nutzen sein. Hier spalten sich jedoch die Neoutilitaristen: Die einen haben einen empirischen Begriff, nehmen also an, dass der Mensch grundsätzlich nach Nutzenmaximierung sucht, Unlust vermeiden und Lust gewinnen will. Versuche an Tieren werden auf Menschen übertragen. Die anderen, etwa Mancur Olson, haben einen analytischen Begriff der Nutzenmaximierung, wonach der Nutzen zuerst offen bleibt, um dann analytisch zu untersuchen, welche Handlungsoptionen bei gegebenen Nutzen zu welchem Ergebnis führen. An Einfluss und im Hinblick auf die Erklärung sozialer Phänomene sind sie den empirischen Utilitaristen voraus. Die Utilitaristische Ethik versucht die Entstehung und Geltung moralischer Normen und gesellschaftlicher Institutionen auf den Nutzen zurückzuführen, den sie für die Gesellschaft haben; als eine normative Theorie setzt sie das Prinzip der Nützlichkeit als ein moralisches Kriterium, an dem die moralische Richtigkeit und Falschheit von Handlungen und Recht und Unrecht moralischer, rechtlicher und anderer gesellschaftlicher Normen und Institutionen gemessen werden sollen. Die ultilitaristische Ethik fragt immer nach dem größten Glück der größten Zahl. Da der Utilitarismus uns dazu auffordet, das Glück für alle Betroffenen abzuwägen und danach sittlich gut zu handeln, ist er in manchen Fällen nicht anwendbar. Zum Beispiel bei der Frage nach einer Abtreibung trifft er an seine Grenzen, da die Mutter und niemand sonst das Recht hat, eine Abtreibung zu planen bzw. durchführen zu lassen. Der §218 StgB enthält klare Regeln zu dieser Handlung.

Siehe auch

Pragmatismus, Peter Singer

Literatur


- Jeremy Bentham. An introduction to the principles of morals and legislation. Kila(?): Kessinger: 2005. ISBN 1-4179-5732-8
- John Stuart Mill. (1871) Der Utilitarismus. Stuttgart: Reclam, 1976. ISBN 3-15-009821-1
- Peter Singer. Praktische Ethik. 2., überarbeitete Auflage. Philipp Reclam, Stuttgart, 1994. ISBN 3-15-008033-9
- Otfried Höffe. Einführung in die utilitaristische Ethik: Klassische und zeitgenössische Texte. 2., überarbeitete Auflage. Tübingen: Francke, 1992. ISBN 3-7720-1690-1
- Bernward Gesang. Eine Verteidigung des Utilitarismus. Stuttgart: Reclam, 2003. ISBN 3-15-018276-X

Weblinks


- [http://www.phillex.de/utilitar.htm Utilitarismus im Lexikon der Philosophie]
- http://www.utilitarian.com
- [http://www.ucl.ac.uk/Bentham-Project/info/wwwtexts.htm Onlinetexte von Jeremy Bentham]
- [http://www.gutenberg.org/etext/11224 John Stuart Mills Utilitarianism bei Project Gutenberg] Kategorie:Rechtsgeschichte Kategorie: Ethische Theorie ja:功利主義 simple:Utilitarianism

Deontologisch

Pflicht ist - systemtheoretisch ausgedrückt - die Erwartung eines Systems, dass ein anderes, untergeordnetes System ein bestimmtes näher bezeichnetes Verhalten praktiziert. Eine Pflicht ist also eine das Verhaltensrepertoire eines Systems einschränkende Sache. Ein System, welches diese Pflicht erfüllt, gibt etwas (von seiner Freiheit) auf. Eine Pflicht, etwas unter bestimmten Bedingungen tun zu müssen, steht einem Recht gegenüber, etwas unter bestimmten Bedingungen tun zu dürfen. Noch genauer gesagt werden für den Fall einer Pflichtverletzung Sanktionen angedroht, während bei einem Recht gerade die Nicht-Sanktionierung garantiert wird. Pflichten und Rechte gehören somit zu einer (vereinbarten) Landkarte der Erwartungen von Sanktionen. Daher sind sie Ausdruck (solcher) sozialer Organisation (die auf Sanktionen als Begrenzung aufbaut). Siehe auch:
- Pflichtenheft
- Pflicht (Eiskunstlauf) - Eine im Rahmen des Eiskunstlaufwettbewerbs vom Teilnehmer auszuführendes Laufprogramm mit vorgegeben Figuren.
- Pflichtenkollision
- Pflichtbewusstsein
- Wehrpflicht
- Pflicht oder Wahrheit

Deontologie

Die Lehre von den Pflichten heißt Deontologie (zusammengesetzt aus dem griechischen to deon "das Erforderliche, die Pflicht" und logos "Lehre", also "Pflichtenlehre"). Das Grundprinzip ist die Berufung auf die Motivation der Handlung. Es folgt die Prüfung, ob die Motivation und Handlung mit einem Wertemaßstab, den jeder vernünftige Mensch sofort einsieht, vereinbar ist oder nicht. Das Begründungsverfahren lässt hierbei nur "gut" oder "schlecht" als Attribute zu. siehe auch: Immanuel Kant, Teleologie, Ethik

Personen

[http://www.ingeborgpflicht.de Ingeborg Pflicht] - Pädagogin, Trainerin Kategorie:Ethisches Prinzip ja:義務

Kritik der praktischen Vernunft

Kritik der praktischen Vernunft ist der Titel des zweiten Hauptwerks Immanuel Kants; es wird auch als "zweite Kritik" (neben der "Kritik der reinen Vernunft" und der "Kritik der Urteilskraft") bezeichnet und erschien 1788. Sie enthält Kants Moralphilosophie/Ethik und gilt bis heute als eines der wichtigsten Werke der praktischen Philosophie überhaupt.

Der kategorische Imperativ

Kant leitet die Prinzipien der Moral direkt aus der menschlichen Vernunft ab, statt aus einer göttlichen Vorschrift. Kernstück der Kritik ist die Lehre vom kategorischen Imperativ, der als Kennzeichen von Moralität die strikte Verallgemeinerbarkeit von persönlichen Handlungsgrundsätzen (Maxime) verkörpert. Moralisches Handeln nach Kant ist Handeln nach dem kategorischen Imperativ. Der Mensch ist als Vernunftwesen frei und kann nach Grundsätzen der Vernunft handeln. Diese Fähigkeit vermag das instinkt- und lustgeleitete Handeln ebenso zu überwinden, wie ein Handeln aus pragmatischen oder taktischen Motiven.

Herleitung des Sittengesetzes

Die Grundsätze der praktischen Vernunft sind entweder subjektive Maximen, die für den eigenen Willen Gültigkeit beanspruchen können oder objektive Gesetze, die für jeden vernünftigen Willen maßgeblich sind. Bestimmt die Vernunft selbst vollständig den Willen, ist der sich daraus ableitende objektiv notwendige Grundsatz ein kategorischer Imperativ. Subjektive Willensbestimmungen des Begehrungsvermögens haben empirischen Charakter, denn ihr Entstehungsgrund ist das gesuchte subjektive Verhältnis zum Gegenstand der Wirklichkeit. Nach Maßgabe dieser Willensbestimmungen ist es nicht möglich, eine für jeden gültige Verpflichtung in Form eines allgemeinen Gesetzes herzustellen. Praktische allgemeingültige Gesetze der reinen Vernunft, deren objektive Notwendigkeit a priori erkannt wird, können sich daher allein auf eine bloß formale Willensbestimmung beziehen. Die reine Vernunft nötigt den von aller Kausalität freien Willen, sich einem allgemeinen Gesetz, dem Sittengesetz zu verpflichten. Die bloße Form der allgemeinen Gesetzgebung bestimmt den freien autonomen Willen der reinen Vernunft. Der Mensch hat als autonomes Vernunftwesen die Fähigkeit der unmittelbaren Erkenntnis seines Willens und erhebt sich in der praktischen Vernunft über seinen empirischen Charakter und seine Abhängigkeit von der Außenwelt. Er ist frei in seinem Handeln nach sittlichen Grundsätzen. Siehe auch: Kant (Artikel), Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Die Metaphysik der Sitten

Literatur


- Giovanni B. Sala: Kants 'Kritik der praktischen Vernunft'. Ein Kommentar. Darmstadt 2004, ISBN 3534157419 (Erster durchgängiger Kommentar in deutscher Sprache, sehr textnahe Erläuterungen, anspruchsvoll)

Weblinks


- [http://gutenberg.spiegel.de/kant/kritikpr/kritikpr.htm Text] Kritik der praktischen Vernunft in Gutenberg-Spiegel
- [http://wikisource.org/wiki/Kritik_der_praktischen_Vernunft Originaltext "Kritik der praktischen Vernunft" in WikiSource] Kategorie:Philosophisches Werk Kategorie:Kantianismus Kategorie:Literarisches Werk

Maxime

Die Maxime (aus franz. maxime; lat. maxima: größte, maximus: das Größte) bezeichnet einen ursprünglich aus der Logik hervorgegangenen Begriff, der im Französischen sittliche Bedeutung erlangte und seitdem im Sinne als oberster persönlicher Lebensregel, persönlicher Grundsatz des Willens und Handelns verwendet wird (La Rochefoucauld, Goethe). Bei den französischen Moralisten Luc de Clapiers, marquis de Vauvenargues (1715 - 1747) und François de La Rochefoucauld (1613 - 1680) gelangte die Maxime zu einer hohen Form der philosophischen Aussage. Goethe veröffentlichte 1840 seine Maximen und Reflexionen. Das Substantiv "maxima" leitet sich ab bei Boethius mit maximae et pricipales propositiones. Bei Albert von Sachsen hat es zuerst die logische Bedeutung (locorum alius dicitur locus maximus). Und daraus entwickelt sich im Französischen die ethisch-praktische Bedeutung als les maximes. Aber auch bei D'Argens († 1771) findet sich noch die logische Bedeutung: In der mehr praktischen Bedeutung taucht dann der Begriff bei La Rochefoucauld auf (in: Réflexions ou sentences et maximes morales, 1665). Bei Immanuel Kant erlangt "Maxime" als "subjektives Gesetz, nach dem man wirklich handelt", als "subjektives Prinzip des Wollens" große Bedeutung. Beliebige praktische Grundsätze sind Maximen, wenn sie zugleich subjektive Gründe der Handlungen, subjektive Grundsätze, werden. In diesem Sinne sah er eine Realisierung des Vernunftstrebens: Maxime ist hier als subjektiver Grundsatz zu verstehen; der kategorische Imperativ verlangt die strikte Verallgemeinerung. Allein in den Maximen kann nach Kant der moralische Wert einer Handlung liegen. Dieser ist gegeben, wenn sich der Mensch seine Maximen durch Vernunfterwägungen widerspruchslos als praktische allgemeine Gesetze denken kann, d.h., wenn er wollen kann, dass die Maximen seiner Handlung zugleich zu einer allgemeinen Gesetzgebung werden (siehe kategorischer Imperativ). Anstelle des Begriffs "Maxime" wird heute meist in der sittlichen Bedeutung der Begriff Motiv verwendet.

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- [http://www.kuehnle-online.de/literatur/goethe/maximen/ Goethe, Maximen und Reflexionen] Kategorie:Ethisches Prinzip Kategorie:Wertvorstellung

Maxime

Die Maxime (aus franz. maxime; lat. maxima: größte, maximus: das Größte) bezeichnet einen ursprünglich aus der Logik hervorgegangenen Begriff, der im Französischen sittliche Bedeutung erlangte und seitdem im Sinne als oberster persönlicher Lebensregel, persönlicher Grundsatz des Willens und Handelns verwendet wird (La Rochefoucauld, Goethe). Bei den französischen Moralisten Luc de Clapiers, marquis de Vauvenargues (1715 - 1747) und François de La Rochefoucauld (1613 - 1680) gelangte die Maxime zu einer hohen Form der philosophischen Aussage. Goethe veröffentlichte 1840 seine Maximen und Reflexionen. Das Substantiv "maxima" leitet sich ab bei Boethius mit maximae et pricipales propositiones. Bei Albert von Sachsen hat es zuerst die logische Bedeutung (locorum alius dicitur locus maximus). Und daraus entwickelt sich im Französischen die ethisch-praktische Bedeutung als les maximes. Aber auch bei D'Argens († 1771) findet sich noch die logische Bedeutung: In der mehr praktischen Bedeutung taucht dann der Begriff bei La Rochefoucauld auf (in: Réflexions ou sentences et maximes morales, 1665). Bei Immanuel Kant erlangt "Maxime" als "subjektives Gesetz, nach dem man wirklich handelt", als "subjektives Prinzip des Wollens" große Bedeutung. Beliebige praktische Grundsätze sind Maximen, wenn sie zugleich subjektive Gründe der Handlungen, subjektive Grundsätze, werden. In diesem Sinne sah er eine Realisierung des Vernunftstrebens: Maxime ist hier als subjektiver Grundsatz zu verstehen; der kategorische Imperativ verlangt die strikte Verallgemeinerung. Allein in den Maximen kann nach Kant der moralische Wert einer Handlung liegen. Dieser ist gegeben, wenn sich der Mensch seine Maximen durch Vernunfterwägungen widerspruchslos als praktische allgemeine Gesetze denken kann, d.h., wenn er wollen kann, dass die Maximen seiner Handlung zugleich zu einer allgemeinen Gesetzgebung werden (siehe kategorischer Imperativ). Anstelle des Begriffs "Maxime" wird heute meist in der sittlichen Bedeutung der Begriff Motiv verwendet.

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Goldene Regel

Als goldene Regel wird allgemein ein für eine gesellschaftliche Gruppe wichtiger Merkspruch oder ein markantes Motto bezeichnet, im engeren Sinne bezieht sich die Bezeichnung aber auf die in dem Sprichwort :Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. ausgedrückte moralische Regel, die in mannigfaltigen Variationen Grundbestandteil der ethischen Vorstellungen vieler Religionen ist. Einerseits ist sie von Kants kategorischem Imperativ zu unterscheiden, denn die goldene Regel bezieht sich auf den Einzelnen (und sein Gegenüber), nicht auf ein allgemeines Sittengesetz. Andererseits erhebt auch die goldene Regel formal einen universellen Geltungsanspruch und abstrahiert vom konkreten Einzelfall. Manche bezeichnen sie als volkstümliche Variante des kategorischen Imperativs. Für viele Philosophen beinhaltet die goldene Regel den Kern von Moral, weil sie an die menschliche Vorstellungskraft, Einfühlung, Gegenseitigkeit und Folgenbewusstsein appelliert. Die Freiheit zu wählen, bleibt dem einzelnen Menschen, ebenso die Verantwortung für diese Wahl.

Beispiele (chronologisch geordnet)


- 1. Jahrtausend v. Chr.: "Was alles dir zuwider ist, das tue auch nicht anderen an." (Shayast-na-Shayast 13, 29), Zoroastrismus
- 9.-6. Jahrhundert v. Chr.: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR." (Die Bibel, Leviticus 19, 18), Judentum
- 8. Jahrhundert v. Chr.: "Dass die (menschliche) Natur nur gut ist, wenn sie nicht anderen antut, was ihr nicht selbst bekommt." (Dadistan-i-Dinik 94, 5), Zoroastrismus
- 620 v. Chr.: "Was immer du deinem Nächsten verübelst, das tue ihm nicht selbst." Pittakos von Mytilene, einer der griechischen Sieben Weisen
- 6. Jahrhundert v. Chr.: "Verletze nicht andere auf Wegen, die dir selbst als verletzend erschienen." (Udana-Varga 5, 18), Buddhismus
- 500 v. Chr.: "Tue anderen nicht, was du nicht möchtest, das sie dir tun." (Analekte 15, 23), Konfuzianismus
- 500 v. Chr.: "Ein Wort, das als Verhaltensregel für das Leben gelten kann, ist Gegenseitigkeit. Bürde anderen nicht auf, was du selbst nicht erstrebst." (Lehre vom mittleren Weg 13, 3), Konfuzianismus
- 500 v. Chr.: "Daher übt er (der Weise) keine Gewalt gegen andere, noch heißt er andere so tun." (Acarangasutra 5, 101-102), Jainismus
- 500 v. Chr.: "Füge anderen nicht Leid durch Taten zu, die dir selber Leid zufügten." Buddhismus
- 5. Jahrhundert v. Chr.: "Tue anderen nicht an, was dich ärgern würde, wenn andere es dir täten." Sokrates, griechischer Philosoph
- 400 v. Chr.: "Soll ich mich andern gegenüber nicht so verhalten, wie ich möchte, dass sie sich mir gegenüber verhalten?" Platon, griechischer Philosoph
- 4. Jahrhundert v. Chr.: "Man soll sich nicht auf eine Weise gegen andere betragen, die einem selbst zuwider ist. Dies ist der Kern aller Moral. Alles andere entspringt selbstsüchtiger Begierde." (Mahabharata, Anusasana Parva 113, 8; Mencius Vii, A, 4), Hinduismus
- 200 v. Chr.: "Was du nicht leiden magst, das tue niemandem an." Judentum, Buch Tobit
- 150er v. Chr.: "Dies ist die Summe aller Pflicht: Tue anderen nichts, das dir Schmerz verursachte, würde es dir getan." (Mahabharata 5, 1517), Hinduismus und Brahmanismus
- 1. Jahrhundert: "Alles, was ihr für euch von den Menschen erwartet, das tut ihnen auch." (Die Bibel, Matthäus 7, 12), Christentum
- 90er: "Was du selbst zu erleiden vermeidest, suche nicht anderen anzutun." Epiktet
- 2. Jahrhundert: "Was dir selbst verhasst ist, das tue nicht deinem Nächsten an. Dies ist das Gesetz, alles andere ist Kommentar." (Talmud, Shabbat 31a), Judentum
- 6. Jahrhundert: "Allen Menschen das zu tun, was du wünschest, selbst dir getan zu haben, und anderen das nicht zu tun, was du auch dir selbst nicht tun wolltest." Islam, Mohammed
- 9. Jahrhundert: "Niemand von euch ist ein Gläubiger, bevor er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst begehrt." (Hadith), Islam
- (19. Jahrhundert): "Und wenn du deine Augen auf die Gerechtigkeit wendest, so wähle für deinen Nächsten dasjenige, was du für dich selbst erwählet hast." (Brief an den Sohn des Wolfs 30), Bahá'í
- 1870er: "Wünsche er nicht anderen, was er nicht für sich selbst erwünschet." Bahá'í
- 1997: "Was du nicht willst, daß man dir tu' das füg auch keinem andren zu." (Die Goldene Regel wird Teil der Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten, Artikel 4)
- 1999: "Tue nichts, was du nicht möchtest, das man dir tun soll." (British Humanist Society), Humanismus
- 2000: "Wir fordern jeden dazu auf, sich anderen gegenüber so zu verhalten, wie er von ihnen behandelt werden möchte." (Verhaltenscodex des Internet-Auktionshauses eBay)

Kritik

Zu den Fehlinterpretationen der goldenen Regel zählt, dass sie mitunter als Vergeltungsprinzip betrachtet wird. Talion aber (Gleiches mit Gleichem vergelten) ist ein Reaktionsprinzip: das Objekt einer Handlung reagiert darauf mit gleichen Mitteln. Die goldene Regel hingegen versteht sich als vorausschauendes Aktionsprinzip: der Einzelne soll bewusst als Subjekt agieren, Provokation und Gewalt vermeiden und die bloße Vergeltung („Auge um Auge...“) durch positives Handeln oder Unterlassen überwinden. Gegen die goldene Regel wird kritisch eingewandt, dass sie selbst bei gutem Willen fehlleiten kann, da die subjektive Sicht des Handelnden zum alleinigen Maßstab gemacht wird. Das, was er selbst wünscht, muss nicht unbedingt auch für seinen Nächsten erwünscht sein, und das, was ihm unangenehm ist, muss nicht auch für seinen Nächsten ähnlich unangenehm sein. Sowohl die positiven als auch die negativen Formulierungen können daher nach Taten oder Unterlassungen rufen, die der "Begünstigte" möglicherweise nicht so haben möchte. Daher sind aus dieser Sicht für eine tugendhafte Lebensweise weitere ethische Prinzipien in Betracht zu ziehen. Nach christlicher Lehre ist dies zum Beispiel die Nächstenliebe.

Positive und negative Form

Zwischen den einzelnen Versionen sind leichte, aber relevante Unterschiede feststellbar. So sind die muslimische und Bahá'í-Variante wie auch die aus der Bergpredigt entnommene christliche positiv formuliert und fordern nicht nur das Nichttun dessen, was selbst nicht gewünscht wird, sondern auch das Tun dessen, was man selbst erstrebt. Damit werden diese Versionen von vielen als anspruchsvoller angesehen. Andere wiederum vermuten dahinter ein größeres Sendungsbewusstsein und den verdeckten Anspruch auf ein Wahrheitsmonopol, da vorausgesetzt wird, dass jeder weiß, was gut und richtig sei. Die positive Form „Was du willst, was man dir tu, das füge auch dem andern zu“, eröffnet einen großen Spielraum, kann den Einzelnen aber schnell überfordern. Das erstrebenswert Gute wird subjektiv und also sehr unterschiedlich definiert. Aufgrund der Gegenseitigkeit ist der andere zwar in Übereinstimmung mit seinen moralisch legitimen Wünschen zu behandeln, auch diese Absicht kann aber vielfach zu Missverständnissen führen. Die negative Form „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg´ auch keinem andern zu“ fordert aktives Unterlassen ein, eben etwas bewusst nicht zu tun. Wer es vermeidet, andere zu schädigen oder ihnen einen fremden Willen aufzuzwingen, handelt demnach moralisch und achtet die persönliche Freiheit des anderen. Nur durch Achtung des Anderen ist somit zweiseitiges Zusammenleben, „natürliche“ Sittlichkeit, möglich. Eine Ausweitung der goldenen Regel und gleichzeitig eine Anerkennung als universelles Moralprinzip wird durch einen Bezug auf das Gemeinwohl hergestellt. Dies zwingt den Handelnden seine Aktionen grundsätzlich nach der Möglichkeit der Rückbezüglichkeit zu befragen; ein wesentliches Überprüfungskriterium ist demzufolge das der Allgemeingültigkeit: „Was wäre, wenn alle Betroffenen in dieser Situation so handelten“? Maßstab ist also nun das sittliche Handeln in und für die Gesellschaft, Verstöße gegen Sitte und Gesetz widersprechen diesem Anspruch. Diese Ausweitung der goldenen Regel kommt dem kategorischen Imperativ Kants bereits sehr nahe, unterscheidet sich von diesem allerdings in der Sicht mancher darin, dass letzterer dem Einzelnen seine lebendige Individualität nimmt und ausnahmslos auf Pflichterfüllung dringt.

Grundwert und Gesetzescharakter

Die goldene Regel ist in den Weltreligionen fest verankert. Ihre Bindekraft spiegelt sich unter anderem im Projekt Weltethos von Hans Küng und der „Erklärung zum Weltethos“ durch das Parlament der Weltreligionen von 1993. Aus der goldenen Regel werden hier vier Prinzipien als „unverrückbare Weisungen“ entwickelt: # Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben # Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung # Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit # Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau Darüber hinaus trägt die goldene Regel teils Gesetzescharakter und findet sich sinngemäß im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 2 (Handlungsfreiheit, Freiheit der Person): „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt [...]“ Die verfassungsrechtlich garantierte Freiheit des Einzelnen geht also so weit, wie sie die Freiheit des anderen nicht einschränkt. Hier erscheint gegenseitiges Verhalten unmittelbar als Dialog beziehungsweise Kompromiss, deutlicher als es die goldene Regel ausdrücken kann.

Weblinks


- [http://www.weltethos.org/index3.htm Erklärung zum Weltethos durch das Parlament der Weltreligionen 1993] Kategorie:Ethisches Prinzip Kategorie:Religion Kategorie:Soziale Norm

Ethik

Ethik (griech. ethos „gewohnter Sitz; Gewohnheit, Sitte, Brauch; Charakter, Sinnesart“) ist eines der großen Teilgebiete der Philosophie. Die Ethik - und die von ihr abgeleiteten Disziplinen (z.B. Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie) - bezeichnet man auch als „praktische Philosophie“, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst (im Gegensatz zur „theoretischen Philosophie“, zu der die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik als klassische Disziplinen gezählt werden). Die Ethik beschäftigt sich damit, was gutes oder schlechtes Handeln ausmacht. Eine Ethik sagt also, wie der Mensch handeln soll und wie nicht, bzw. wie er sich beim täglichen Handeln zu entscheiden hat. Dazu gehören die Auseinandersetzung mit dem Ausmaß individueller menschlicher Freiheit sowie eine Bestimmung von Gut und Böse. Sie befasst sich hierzu mit den Grundlagen menschlicher Werte und Normen, des Sittlichen und der allgemeinen Moral. Zentrale Probleme der Ethik betreffen die Motive, die Methoden und die Folgen menschlichen Handelns. Es ergeben sich sehr unterschiedliche Ethiken, je nachdem, wie die Gewichte zwischen diesen drei Bereichen gelegt werden, und was die Quelle der ethischen Normen ist. Von solchen grundsätzlichen Reflexionen einer allgemeinen Ethik zu unterscheiden sind die auf besondere lebensweltliche Problemfelder bezogenen Überlegungen der angewandten Ethik. Die allgemeine Ethik stellt außerdem die Grundlagendisziplin für die speziellen Disziplinen, Individualethik und Sozialethik, dar.

Der Begriff „Ethik“

Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff „Ethik“ von Aristoteles eingeführt, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte. Hintergrund war dabei die bereits von den Sophisten vertretene Auffassung, es sei für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet werde. Aristoteles war dagegen der Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik ist somit für Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat, diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet. Begriffliche Abgrenzungen In einem allgemeinen Verständnis lässt sich Ethik als philosophische Reflexion auf Moral definieren. Moral ist dabei zu verstehen als Gesamtheit aller Normen und Ideale des guten und richtigen Lebens, die von einem Menschen oder einer Gesellschaft vorausgesetzt werden. Diese Reflexion kann auf verschiedene Weise vollzogen werden. Wenn sie nur auf die möglichst präzise empirische Erfassung und Beschreibung der tatsächlichen Moral zielt, spricht man von deskriptiver Ethik. Diese Disziplin ist verwandt mit anderen empirischen Disziplinen wie Moralpsychologie, Moralsoziologie, Ethnologie etc. Wenn die methodische Reflexion auf Moral nicht in empirisch-deskriptiver oder historisch klärender Weise, sondern mit dem Ziel der Begründung und Kritik vorgenommen wird, spricht man - in einem allgemeinen Sinn - von normativer Ethik (wird im folgenden mit Ethik gleichgesetzt). Von einer normativen Ethik im engeren Sinne spricht man für gewöhlich dann, wenn es sich um eine Sollens- oder deontologische Ethik handelt (s.u.). Von der Ethik ist weiterhin die Metaethik zu unterscheiden. Diese reflektiert die allgemeinen logischen, semantischen und pragmatischen Strukturen moralischen und ethischen Sprechens. Die Metaethik ist eine verhältnismäßig junge Disziplin, die sich in erster Linie der Untersuchung praktischer Argumentationen mit den Mitteln der modernen sprachanalytischen Philosophie verdankt.

Geschichte der Ethik

Formale Betrachtungen zur Ethik nahmen ihren Ursprung im alten Orient, im antiken Kaiserreich China, Indien und Griechenland und wurden in Römischen Reich aufgegriffen und weiterentwickelt. Philosophische Schulen dieser Perioden entwickelten verschiedene ethische Systeme, von denen Sokrates, Platon und Aristoteles die bis heute einflussreichsten begründeten. Der Epikureismus und die Stoa haben in hellenistischer Zeit ethische Schulen ausgebildet, die ihrerseits orientierenden Einfluss auf die Gegenwart ausüben. Religionen entwickeln ihr ethisches System selten systematisch aus Grundprinzipien, sondern als Konsequenz ihres Glaubenssystems. In den jüdisch-christlichen Schriften (Tanach, Talmud, Bibel, Kirchenväter) haben ethische Fragestellungen einen hohen Stellenwert. Der nächste bedeutende Zeitraum ethischer Betrachtungen begann im Mittelalter mit Maimonides und Thomas von Aquin. Der auf von gottgegebenen Gesetzen basierenden Ethik dieser jüdisch-christlichen Philosophen wurde ein natürliches Gesetz (Naturrecht), das dem Menschen und der Welt innewohne, an die Seite gestellt. Die moderne philosophische Ethik hatte ihren Ursprung in den Arbeiten von Thomas Hobbes, David Hume, Spinoza und Immanuel Kant. Der Utilitarismus wurde von Jeremy Bentham und John Stuart Mill entwickelt. Arthur Schopenhauer schuf in Abgrenzung zu Kant eine Mitleidsethik. Friedrich Nietzsche gilt als der radikalste Kritiker sämtlicher Arten von Ethik. Insbesondere verwies er darauf, dass moralische Bewertungen von der jeweiligen Perspektive abhängen und dass Moralsysteme sehr oft der Festigung der Position der Herrschenden dienen (sofern damit ein Relativismus behauptet werden soll, sind die dort aufgeführten Gegenargumente zu nennen). Der analytischen Ethik (G. E. Moore, W. D. Ross) folgten Emotivismus (C. L. Stevenson, A. J. Ayer) und Existenzialismus (Jean Paul Sartre). Emmanuel Lévinas suchte die Ethik von der Beziehung zu dem Anderen her neu zu denken. In der feministischen Ethik wird darauf aufmerksam gemacht, dass bestimmte Werte (z.B. Fürsorge) und Lebenssituationen aus Sicht der Frau in der herkömmlichen Diskussion stark vernachlässigt wurden.

Verschiedene Ethiksysteme

Die Vielzahl ethischer Positionen lässt sich am einfachsten in deontologische und teleologische Richtungen einteilen, wobei aber die jeweilige Zuordnung oft nicht unumstritten ist. Im Rahmen teleologischer Ethiken (Strebensethiken) wird die moralische Richtigkeit von Handlungen durch ihren Beitrag zur Realisierung oder Erhaltung eines Guten bestimmt. Teleologische Ethiken geben valuativen Sätzen einen Vorrang gegenüber normativen Sätzen. Für sie stehen Güter und Werte im Vordergrund. Die menschlichen Handlungen sind nur insofern von Interesse, als sie hinderlich oder förderlich zum Erreichen dieser Güter und Werte sein können. Deontologische Ethiken (Sollensethiken) gehen davon aus, dass Handlungen aufgrund anderer Charakteristika als ihrer konkreten Folgen moralisch richtig oder falsch sein können. Hier haben normative Sätze eine Vorrangsstellung gegenüber valuativen Satzen. Für sie bilden Gebote, Verbote und Erlaubnisse die Grundbegriffe. Es rücken die menschlichen Handlungen in den Vordergrund, da nur sie gegen eine Norm verstoßen können. Durch die Art der Definition lassen sich verschiedene ethische Systeme ableiten: Abb.: Schema der wichtigsten Ethikansätze

Teleologische Ansätze

Das griechische Wort „telos“ bedeutet so viel wie Vollendung, Erfüllung, Zweck oder Ziel. Unter teleologischen Ethiken versteht man daher solche Theorieansätze, die ihr Hauptaugenmerk auf bestimmte Zwecke oder Ziele richten. In ihnen wird die Forderung erhoben, Handlungen sollten ein Ziel anstreb